Vorsorgequote

Inhaltsverzeichnis

Die Summe der Maßnahmen zur Verhinderung einer Beitragsexplosion im Alter wird Vorsorgequote genannt. Von der Vorsorgequote kann nicht 1:1 auf die Alterungsrückstellungen oder Beitragsstabilität geschlossen werden! Sie wird im Verhältnis zu den Beiträgen berechnet und ist bei allen Gesellschaften gesunken.

Grafik 66 – Vorsorgequote PKV Durchschnitt1

Auf die Anlage der Versicherung haben Sie keinen Einfluss! Dabei war sich bspw. die AXA KV AG in der Vergangenheit nicht zu schade mehrere Milliarden Euro in Tabakfirmen zu investieren.2 Die Allianz investierte in Kohle sowie umweltbelastende Firmen.3 Die zehn größten dt. Versicherer investierten in Atom-U-Boote, Monsanto, Ölkonzerne, Gentechnik etc.4

Zwar ist Nachhaltigkeit ein wachsender Trend, dem immer mehr Versicherungen folgen, doch sind die aktuellen Maßnahmen kaum vergleichbar, intransparent sowie oft eine Mogelpackung. So gibt es Negativ- wie Positivlisten, ESG-Kriterien, diverse Guidelines etc. An regulatorischen Vorgaben sowie vergleichbaren Standards mangelt es aber. So gelten beispielsweise Waffenhersteller teils als nachhaltig, wenn sie nur jenes Waffenmaterial liefern, was nicht von völkerrechtlichen Konventionen sanktioniert wird, 5 bspw. der sog. Genfer Konvention.6 Der Trend mag positiv sein, die aktuelle Nachhaltigkeitslage ist unbefriedigend.

Modellannahmen und Realität des Beitragsverlaufs

In jungen Jahren zahlen Sie mehr als Sie müssten, weshalb der übersparte Anteil in Alterungsrückstellungen7 investiert wird, die später den Beitragsanpassungen verhindern sowie den Beitrag senken sollen. Es handelt sich dabei um Kollektivleistungen, nicht um individuelle Einzelwerte, auf die Sie einen Anspruch hätten. Sprich die Gleichaltrigen Ihres Tarifs sparen und „konsumieren“ mit Ihnen einen Topf, womit ihre individuelle Alterungsrückstellung nur eine stochastische Rechengröße ist.8 Es gibt keinen Auszahlanspruch, da sie kein individuelles Recht sind. Weder gesetzliche noch vertragliche Grundlage sehen eine Auszahlung vor.9 Abweichend davon ist der GZ zwar individuell berechnet,10 jedoch auch ohne Auszahlungsanspruch, höchstens Übertragungsanspruch.

Stellen Sie sich vor, dass Alterungsrückstellungen kein Sparschwein sind, sondern vorweggenommene Beiträge für künftige Leistungen; also die Tilgung eines Kredits. Das Geld ist also verplant und daher nicht frei verfügbar!

Grafik 67 – Alterungsrückstellungen und Beitrag im Idealverlauf und korrigiertem Verlauf

Ein Bild, das Screenshot, Reihe, Diagramm enthält. Automatisch generierte Beschreibung Ein Bild, das Screenshot, Reihe, Diagramm enthält. Automatisch generierte Beschreibung

Grafik 67 – Alterungsrückstellungen und Beitrag im Idealverlauf und korrigiertem Verlauf

In der Modellannahme zahlen Sie ein Leben lang den gleichen Beitrag. Leider ist dieses Modell realitätsfern und Sie müssen sich sowohl bei der Kasse als auch bei der PKV auf Beitragsanpassungen (kurz BAP) einstellen.

BAP sind unvermeidbar, nur ihre Höhe variiert! Garantiert ist, dass Sie als Bestandskunde niemals mehr zahlen werden als ein Neukunde des gleichen Tarifs!11

Der o. g. idealtypische Verlauf ist eine Modellannahme, die sich daraus ergibt, dass die die Aktuare grundsätzlich lebenslang konstante Beiträge mit gleichbleibenden Rechnungsgrundlagen verwenden müssen. Dabei ist bekannt, dass die Leistungsausgaben sich ständig erhöhen, weshalb es Rechte zur regelmäßigen Beitragsüberprüfung sowie -anpassung gibt.12 Ähnliches gilt für die Lebenserwartung, die regelmäßig steigt. Bei den PKV-Versicherten sogar stärker als im Bevölkerungsdurchschnitt, weshalb eine regelmäßige Anpassung der Sterbetafeln notwendig ist. Erschwerend kommt hinzu, dasss Aktuare mit Periodensterbetafeln rechnen müssen, statt mit Generationensterbetafeln, wo die längere Lebenserwartung der jüngeren bereits berücksichtigt wäre.13 In den letzten Jahren dabei verstärkt. Die mehrjährige Corona-Pandemie hat dabei laut der DAV keine langfristigen Auswirkungen, weshalb die steigenden Lebenserwartungen sich nach aktueller Erkenntnis fortschreiben werden.14

Die Kunden akzeptieren keine Prämien in beliebiger Höhe. Daher sind die Versicherungsmathematiker angehalten möglichst knapp zu kalkulieren. Daher kommt es in der Praxis regelmäßig zu Abweichungen zur idealtypischen Modellannahme.

Es mag komisch klingen, doch geschieht dies auch zum Schutz der Versichertengemeinschaft. Denn bei dynamischen Modellen, welche Kostensteigerungen stärker einpreisen wären nicht nur höhere Prämien notwendig, sondern es gäbe auch einen negativen Rückkopplungseffekt, weil die Leistungserbringer ständig steigende Kosten ohne Widerstand umlegen könnten.15 Damit würden zwei sich bedingende exponentionelle Kostensteigerungskurven entstehen, die insbesondere aufgrund der (bisher) stetig steigenden Lebenserwartung extrem teuer würden.

Grafik 68 – DAV Aktuar Aktuell 41 S. 13 Restliche Lebenserwartung in Jahren16

328.000.000.000€ Alterungsrückstellungen der PKV

Die PKV verfügt jedoch über hohe Alterungsrückstellungen, die für künftige Leistungen sowie Beitragsanpassungen verwendet werden können.

Grafik 69 – 2020-01-23 Krankenversicherungsmathematik, Andreas Leckner – S. 30

Die o. g. Grafik wurde ergänzt um Angaben des PKV-Verbands.17

Die Höhe der PKV Rückstellungen ist höher als alle Überschüsse, welche die gesetzlichen Krankenkassen in ihrer Geschichte erwirtschaftet haben. Der Anteil der PVN beträgt ca. 1/10.

Die Alterungsrückstellungen werden in Kapitalanlagen verwaltet, welche Zinsgewinne für die Versichertengemeinschaft erwirschaften. Die Kapitalanlagen sind etwas höher als die Rückstellungen, da die PKV einen kleinen Anteil zur Deckung der eigenen Kosten entnehmen darf. Im historischen Trend ist erkennbar, dass die PKV den Versicherten mehr von den Kapitalanlagen in Form von Rückstellungen gutschreibt, als sie es zur Jahrtausendwende tat. Und vermutlich auch früher. Damit wird unter anderem das Zinstief ausgeglichen. Der PKV-Verband unterhält zur vereinfachten Visualisierung die Zukunftsuhr, welche in „Echtzeit“ die Höhe der „Alterungsrückstellungen“ darstellen soll.18 Die genaue Berechnung wird nicht offengelegt.

Grafik 70 – 2020-01-23 Krankenversicherungsmathematik, Andreas Leckner – S. 30

Das Verhältnis von neuen Beitragseinnahmen gegenüber neuen Alterungsrückstellungen wird pauschal vom PKV-Verband ermittelt. Im Schnitt wird mehr als 1/3 des Beitrags für Alterungsrückstellungen verwendet.

Grafik 71 – Private Kranken- und Pflegeversicherung: Beitragseinnahmen von 2001-202119

Werden die beiden Grafiken in Relation zueinander gesetzt, kann der prozentuale Anteil der Alterungsrückstellungen an den Neugeschäftsprämien abgeleitet werden. Zinsen mindern den realen Zufluss, weshalb die Werte leicht niedriger sein müssten, können aber nicht geprüft werden.

Diese Gesamtdarstellung lässt jedoch keine Rückschlüsse auf den individuellen Tarif zu!

Grafik 72 – Durchschnittliche Vorsorge-Quote in Bezug auf Beitragseinnahmen

Aufgrund niedrigerer Zinsen sowie des niedrigeren Rechnungszinses steigt der prozentuale Anteil der Alterungsrückstellungen an der Prämie.

Die Summe der gesetzlichen Krankenkassen haben nicht ansatzweise diese Ansparungen, bei deutlich mehr Mitgliedern. In Bezug auf die Kapitalausstattung war die PKV in der Vergangenheit weniger Krisen anfällig als die Kasse.

Modellannahme unter Berücksichtigung von Beiträgen und Kopfschäden

Setzt man nun Kopfschaden, Nettobeitrag und Alterungsrückstellungen grafisch in Bezug, ergibt sich u. g. Durchschnittsverlauf. Vereinfacht ausgedrückt wird in jungen Jahren mehr bezahlt als notwendig, was Kapital bildet. Dieses verzinste Kapital wird später für Leistungen verbraucht. Es ist eine Art Konto, das einen Ausgleichseffekt erzeugt.20

Grafik 73 – Durchschnittsentwicklung PKV ohne BAP21

In Abhängigkeit von den realen Entwicklungen der Kollektive kommt es durch BAP zu Abweichungen, womit das u. g. Schaubild entsteht:

Grafik 74 – Durchschnittsentwicklung PKV nach BAP22

Eine BAP entsteht durch erhöhte Schäden (rot), welche einen erhöhten Kapitalbedarf (grün) auslöst, der durch erhöhte Prämien (blau) gedeckt wird.

Quellenangaben

  1. 2020-12 Statista – Entwicklung der Vorsorgequote in der privaten Krankenversicherung (PKV) in Deutschland in den Jahren 1997 bis 2022 https://de.statista.com/statistik/daten/studie/6570/umfrage/private-krankenversicherung-vorsorgequote-seit-1997/
  2. 2016-05-23 Spiegel Online – Versicherer zieht sich aus Tabakkonzernen zurück https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/axa-beendet-finanzierung-von-tabakkonzernen-a-1093592.html
  3. 2016-05-23 Süddeutsche – Versicherer Axa will keine Tabakkonzerne finanzieren https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/versicherungen-versicherer-axa-will-keine-tabakkonzerne-finanzieren-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-160523-99-40758
  4. 2014-04 TAZ – Rente aus Schmutzgeld https://taz.de/Fragwuerdige-Versicherungs-Investitionen/!5044476/
  5. 2022-02 VersicherungsJournal (sic!) Extrablatt – S. 10-17 – Ohne Waffen, Tabak und Kinderarbeit
  6. 1992-09-17 Bundesgesetzblatt – Gesetz zum Übereinkommen vom 10. Oktober 1980 über das Verbot oder die Beschränkung des Einsatzes bestimmter konventioneller Waffen, die übermäßige Verletzungen verursachen oder unterschiedslos wirken können (VN-Waffenübereinkommen) – S. 958 ff https://www.bgbl.de/xaver/bgbl/start.xav#__bgbl__%2F%2F*%5B%40attr_id%3D%27bgbl292s0958.pdf%27%5D__1654743014002
  7. §341f III HGB Deckungsrückstellung https://www.gesetze-im-internet.de/hgb/__341f.html iVm §§ KVAV http://www.gesetze-im-internet.de/kvav/ iVm §25 RechVersV Deckungsrückstellung https://www.gesetze-im-internet.de/rechversv/__25.html iVm §§ VAG https://www.gesetze-im-internet.de/vag_2016/
  8. 2020-01-23 Krankenversicherungsmathematik – Andreas Leckner – S. 134 & 135
  9. 1994-04-21 BGH IV ZR 192/98 https://research.wolterskluwer-online.de/document/14f5a944-f10c-41ba-8c63-714e1f395815
  10. 2017 Thorsten Becker – Mathematik der privaten Krankenversicherung – ISBN 978-3-658-16665-6 ISBN 978-3-658-16666-3 (eBook) DOI 10.1007/978-3-658-16666-3 – S. 163
  11. §146 II VAG Substitutive Krankenversicherung https://dejure.org/gesetze/VAG/146.html
  12. 2015-04 DAV Aktuar Aktuell 29 S. 8 Abs. 1 – Die aktuelle Beitragsanpassungsklausel in der PKV -Wirkungsweise, Problemfelder und Lösungsansätze
  13. S. 222017-07-05 Leckern – Die Mathematik der Privaten Krankenversicherung. Ein Leitfaden für PKV-Aktuarinnen und -Aktuare. – Teil B: Die Rechnungsgrundlagen – S. 22
  14. 2022-07-07 infinma, Institut für Finanz-Markt-Analyse GmbH – Infinma News Nr. 6/2022 S. 2 – Kein Einfluss von Corona auf die Sterbetafeln
  15. 2016 Hartmut Milbrodt, Volker Röhrs – Aktuarielle Methoden der deutschen Privaten Krankenversicherung –ISSN 1864-3779 ISBN 978-3-89952-610-3 – S. 188
  16. https://aktuar.de/fachartikelaktuaraktuell/AA41_PKV_Sterbetafeln.pdf
  17. 2025-07-03 PKV-Verband e.V. – Nachhaltige Finanzierung in der Privaten Krankenversicherung https://www.pkv.de/wissen/private-krankenversicherung/nachhaltige-finanzierung/
  18. „ohne Datum“, Aufruf 2021-03-21 PKV Verband e.V. – Zukunftsuhr https://zukunftsuhr.de/
  19. „ohne Datum“, Aufruf 2024-10-01 bifg – Barmer Institut für Gesundheitsforschung – Private Kranken- und Pflegeversicherung: Beitragseinnahmen https://www.bifg.de/daten-und-analysen/gesundheitssystem/finanzen/beitragseinnahmen-gkv-pkv
  20. 2018-04-16 DAV e. V. – Leitfaden für das Grundwissen Fach Versicherungsmathematik – S. 65
  21. 2010-04-29 DAV – PKV – Prinzipien und Fakten S. 10 https://aktuar.de/Dateien_extern/DAV/Pressemappen/PP_8_2010-04-29-Werkstattgespraech_PKV-Prinzipien_und_Fakten.pdf
  22. 2010-04-29 DAV – PKV – Prinzipien und Fakten S. 21 https://aktuar.de/Dateien_extern/DAV/Pressemappen/PP_8_2010-04-29-Werkstattgespraech_PKV-Prinzipien_und_Fakten.pdf

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